Wie schon auch in den vergangenen sechs Jahren hat sich im Sommer 2005 eine Gruppe Freiwilliger in den Libanon aufgemacht. Am 18. Juli sind wir, 14 junge Leute aus verschiedenen Städten Deutschlands, nach Beirut geflogen. Der Grund unserer viereinhalb-wöchigen Reise war die Gestaltung eines Sommer-Workcamps in den zwei südlichsten palästinensischen Flüchtlingslagern, Bourj Al Shamali und Rashediyeh, des Libanon.
Durch kriegerische Auseinandersetzungen in Folge der Staatsgründung Israels 1948 verloren etwa 750.000 Palästinenser ihre Heimat und flohen in die angrenzenden Staaten. Die Hoffnung auf Hilfe von den arabischen Staaten wurde nicht erfüllt. Mit der Gründung der PLO 1969, als Dachorganisation der Palästinenser, erlebten die Flüchtlinge einen deutlichen sozialen Aufschwung. Als wachsende politische und militärische Kraft erwirkten die Palästinenser im Libanon, in einem Abkommen mit der Regierung, eine gewisse Autonomie für ihr weiteres Vorgehen im Kampf gegen Israel. Daraus erwachsende innenpolitische Spannungen mündeten in einem 16 Jahre andauernden Bürgerkrieg, dem 30.000 Palästinenser zum Opfer fielen und in dem 3 der 15 Flüchtlingslager ganz und viele andere teilweise zerstört wurden. Die Palästinenser wurden von den politischen und konfessionellen Gruppen des Libanon 1989 als Hauptverantwortliche für den Ausbruch des Bürgerkrieges erklärt. Dies hatte ihren Ausschluss aus dem politischen, sozialen und wirtschaftlichen Leben des Landes zur Folge.
Heute leben 390.00 palästinensische Flüchtlinge in 12 Flüchtlingslagern im ganzen Libanon. Zivile Bürgerrechte werden den Flüchtlingen verwehrt und oft ist ihr Aufenthaltsstatus unsicher. Die Zerstörungen durch den Bürgerkrieg sind noch immer in den Lagern sichtbar und Baumaßnahmen bedürfen einer speziellen Genehmigung. Durch stetigen Bevölkerungszuwachs und das Verbot der flächenmäßigen Ausdehnung sind viele Lager überfüllt. Hinzu kommt, eine schlechte Trinkwasserversorgung und unzureichende Kanalisation, was die Anzahl der Krankheiten ständig steigen lässt. Die Unterstützung durch die UNRWA behebt nicht die Unterversorgung im Gesundheitsbereich, die durch den Ausschluss der palästinensischen Flüchtlinge aus dem öffentlichen Gesundheitssystem entsteht. Des Weiteren unterstützt die UNRWA auch das Schul- und Ausbildungssystem innerhalb der Lager, welches aber trotzdem durch überfüllte Klassen, mangelnden Platz und unzureichende Ausstattung geprägt ist. Von einer großen Anzahl an Berufen sind die Flüchtlinge ausgeschlossen. Ihre Tätigkeit beschränkt sich auf im Lager anfallende Arbeit.
In elf palästinensischen Flüchtlingslagern unterstützt die libanesisch- palätinensische Hilfsorganisation Beit Atfal Assomoud durch Sozialarbeit das Leben der Menschen in den Lagern. Sie betreuen etwa 1100 Kinder und Jugendliche in mehr als 600 Familien. Durch die Kooperation der ESG (Evangelische Studentengemeinde) in Oldenburg, mit dem Verein „Flüchtlingskinder im Libanon e.V.“ (deutsche Partnerorganisation zu Beit Atfal Assomoud), finden jährlich Sommer-Workcamps für ca. 100 palästinensische Flüchtlingskinder, in den Lagern statt.
Seit März 2005 liefen die Vorbereitungen der Reise: Spenden sammeln, Kuchenverkauf in der Stadt, Materialeinkauf, etc. Das erste Mal trafen wir uns für ein Wochenende in Hannover, an dem wir uns als Gruppe kennen lernten und uns intensiv auf die Reise vorbereiteten. Am 18. Juli ging es nun endlich los. Während der eine Teil der Gruppe den Morgen schon in Beirut genießen durfte, mussten die Anderen noch, aufgrund eines Flugzeugschadens, einen weitern Tag im verregneten Hamburg verbringen. Doch schon am nächsten Tag waren wir komplett. Die ersten Tage mussten wir uns zunächst an die hohen Temperaturen und das unaufhörliche Hupen der Autos gewöhnen. Viele neue Eindrücke haben wir eingefangen, beim Schlendern über einen Suq in Tripoli oder bei der Besichtigung einer kleinen Seifenfabrik. Überrascht waren wir von der Zweigesichtigkeit Beiruts. Zum einen die Innenstadt, mit dem pompösen Regierungsviertel, riesigen Moscheen und noblen Cafés. Ganz in der Nähe der große, leere Märtyrerplatz. Als wir da standen, erinnerten wir uns an die Bilder aus den Medien, von den großen Demonstrationen hunderttausender Menschen dieses Frühjahr nach dem Mord an dem ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri. Zum anderen stehen dort Häuser, an denen wir noch deutlich die Spuren des Bürgerkrieges erkennen konnten.
Doch ein für uns eher unbekanntes Gefühl der Enge überkam uns beim Besuch des Flüchtlingslagers Shatila in Beirut. Schmale Gassen, begrenzt durch mehrstöckige provisorische, für unsere Verhältnisse unfertige, Häuser. Der Blick zum Himmel wurde durchbrochen von den frei und wirr umherhängenden Stromkabeln. Beim Rundgang durchs Lager, begleitet von einer Sozialarbeiterin, waren wir überrascht, wie viele Kinder, aber auch Erwachsene, interessiert auf uns zukamen.
Am vierten Tag unserer Reise ging es nun endlich zu unserem eigentlichen Ziel, in den Süden Libanons. An einem gemeinsamen Flusstag lernten wir die palästinensischen Volontäre kennen. Nun war es an der Zeit, dass sich unsere Gruppe trennte, und für die nächsten drei Wochen ein Teil von uns in Bourj al Shamali und der andere Teil in Rashidiyeh lebt. Doch schon am Sonntag haben wir uns alle in Bourj al Shamali wieder gesehen. Agnes hatte Geburtstag und somit ging es mit allen an den Strand, wo wir gefeiert haben.
Das Workcamp:
Nun ist es Montag morgen. Auf dem Dach schlafend werden wir von der Sonne geweckt. Mit großer Vorfreude auf die erste Begegnung mit unseren Kindern, beginnen wir unseren ersten Arbeitstag.
Beim Frühstück erkennt man an den müden Gesichtern, dass sich einige von uns noch immer nicht an die nächtlichen Rufe des Muezzins gewöhnt haben. Um 9 Uhr treffen sich alle auf dem Hof des Centers von Beit Atfal Assomoud. Ca. 60 Kinder, im Alter von 7-14 Jahren, und wir Volontäre, starten den Tag mit einem gemeinsamen Morgenkreis, in dem gesungen, geklatscht und gespielt wird. Die verschiedenen Altersgruppen gehen danach in ihre Räume, die nun von jeweils 12-15 aufgeregten Kinderstimmen gefüllt werden. Ab jetzt verbringen wir jeden Vormittag mit basteln, singen und spielen. Während die Kleinen Hüte bauen, Grasköpfe säen, Stoffbeutel bedrucken und das erste Mal auf selbstgemachten Stelzen laufen, knüpfen die Großen Freundschaftsbänder, basteln Traumfänger und Filzen. Auch größere Projekte werden verwirklicht, so z.B. eine eigens verfasste Campzeitung oder der Bau von Drachen und eines seetauglichen Floßes.
Die Kinder wollen aber nicht nur basteln, sondern sich auch bewegen, und so wird zwischendurch auch immer wieder gespielt. Vom Plumpsack bis zum Fußball ist alles dabei. Doch für heute heißt es erst einmal die eigenen Workcamp-T-Shirts zu gestalten. Wie jedes Jahr, gibt es auch in diesem für jedes Kind und jeden Volontär ein T-Shirt, welches wir mit selbstgemachten Schablonen bedrucken. Der Name des diesjährigen Camps lautet: „Confidence Camp“. Jede Altersgruppe bekommt noch ihren eigenen Namen: „Patience“, „Hope“, „Tolerance“ und „Strength“ sind die Namen von klein bis groß. Auch üben wir mit den Kindern einen eigenen Liedruf ein, der dann jeden Morgen in dem Morgenkreis „geschrieen“ wird. Die Highlights eines jeden Workcamps sind die „special days“. Somit geht es auch schon gleich am 3. Tag mit unseren Kindern an den Strand, in der nahe gelegenen Stadt Sur. Dort heißt es nun mit 60 Kindern ab ins Meer. 2 Stunden. Doch alles geht gut und für die Kinder gibt es hinterher sogar auch kleinere Erfolgserlebnisse zu berichten, wie z.B. das Schwimmen lernen. Heute Abend, es ist schon Freitag, wollen alle Volontäre aus Bourj al Shamali nach Rashidiyeh kommen, da eine kleine Geburtstags-Party für Ludwig geplant ist. Party auf arabisch heißt es also. Für Ludwig selbst ist es eine Überraschung, als er den Theaterraum betritt, dort eine große gedeckte Tafel sieht und ca. 35 Leute ihm ein Ständchen singen. Es wird an diesem Abend viel getanzt. Natürlich ausschließlich zu arabischer Musik, wo manch einer von uns so einige Problemchen hat, sich in den Tanzstil der Musik schnell einzufinden. Aber es macht trotzdem allen viel Spaß! Samstagmorgen geht es mit all unseren Kindern an einen kleinen Fluss ganz in der Nähe. Dort treffen wir auch die Kinder und Volontäre aus dem Camp Bourj al Shamali. Im Gegensatz zum doch sehr warmen Meer, ist dies nun eine willkommene Abkühlung. Für manche sogar schon eine zu starke, da man immer wieder Grüppchen in der Sonne entdeckt, die versuchen sich aufzuwärmen. Wieder im Lager angekommen haben wir die erste unserer 3 Wochen schon hinter uns. Spätestens jetzt hat auch keiner mehr Zweifel an der Verständigung mit den Kindern. Obwohl die Kinder kaum Englisch sprechen können, und somit alles nur mit Hilfe von Übersetzungen unserer palästinensischen Volontäre funktioniert, spürt man eine gewisse Verbundenheit zu den Kindern.
Der Sonntag steht uns immer zur freien Verfügung. Somit fahren wir diesen Sonntag nach Saida auf den großen Suq, um dort ‚shoppen’ zu gehen. Zur tatkräftigen Unterstützung kommen fast alle palästinensischen Volontäre aus Bourj al Shamali mit. Auf so einem Suq gibt es nahezu alles, was der Mensch so brauchen kann. Von Klamotten über Essen bis hin zu ganz frisch und handgenähten Bettdecken. Deshalb ist es auch nicht schwierig, mit einigen Tüten wieder zurück zu fahren. Die nächsten Tage geht es mit dem normalen Workcamp-Programm weiter. Doch schon am Mittwoch heißt es wieder „special day“. Diesmal fahren wir mit den Kindern beider Lager in einen Wald, in dem wir einige Stationen aufgebaut haben. Dort können die Kinder, in Gruppen aufgeteilt, Geschicklichkeitsspiele und auch Sportspiele machen. Es gibt sogar ein kleines olympisches Feuer und eine anschließende Siegerehrung.
Am nächsten Morgen geht es mit vielem Spielen und Basteln weiter. Am Abend sind wir alle bei Silvines Geburtstagsfeier in Bourj al Shamali eingeladen. Dies ist nun schon der dritte Geburtstag und doch ist diese Feier wieder anders, aber auch sehr schön. Das Büfett ist wiedereinmal super. Jedes Mal erwarten uns große Mengen an frischem Obst und Nüssen.
Der nächste „special day“ bringt uns nach Jaita in eine der größten Topfsteinhöhle der Welt. Dies ist ein ganz besonderer Ausflug. Wir müssen 2 Stunden mit dem Bus fahren, doch es kommt kaum Langeweile bei den Kindern auf, da sie sich die Zeit mit singen und klatschen vertreiben. In der Höhle angekommen sind dann alle begeistert. Es gibt eine obere und eine untere Höhle. Die untere kann man mit einem Boot befahren. Völlig geschafft und auch zufrieden fahren wir dann, diesmal deutlich ruhiger, zurück in unsere Lager.
Für uns Volontäre geht es an diesem zweiten Sonntag an die Grenze zu Israel/Palästina. Um dort hinzugelangen müssen wir durch viel bergiges Land fahren. In diesem Grenzgebiet, wo man bereits nur mit Genehmigung hin darf, besuchen wir das ehemalige israelische Gefängnis Khiam, welches erst vor vier Jahren geräumt worden ist. Das sowieso schon komische Gefühl, welches man hat, wenn man ein Gefängnis betritt, wird dadurch unterstrichen, dass überall in den Zellen noch die Klamotten und Decken, der dort damals eingesperrten Menschen, liegen. Nach kurzer Weiterfahrt erreichen wir dann schließlich die Grenze. Direkt dahinter sieht man eine israelische Siedlung. Es wirkt schon ein wenig sarkastisch, da es schon fast eher wie ein kleines Dorf im Süden Deutschlands aussieht. Ein paar unserer palästinensischen Volontäre haben gerade zu diesem Dorf einen ganz besonderen Bezug, da deren Großeltern früher dort gelebt haben. Hiernach geht es dann wieder zurück in unsere Lager. Die letzte Woche unseres Camps soll beginnen. Doch an normales Bastelprogramm ist da nicht mehr zu denken.
Am Freitag soll jede Gruppe etwas aufführen. Dazu werden wir mit allen in die große Veranstaltungshalle Surs fahren, wo alle Verwandten der Kinder eingeladen sind, sich das Programm anzugucken. Dort können die Kinder ihre kleine Aufführung und alles, was während der Campzeit gebastelt wurde, zeigen. In dieser letzten Woche werden die Vormittage zum Üben von Dabkeh-Tänzen (typischer arabischer Gesellschaftstanz), deutschen Liedern oder kleineren Theaterstücken, genutzt. Eine kleine Pause von dem Ganzen gibt es am Mittwoch noch einmal, da ja wieder „special day“ ist. Thema dieses Tages ist: „Traditional Day.“ Einige Mütter der Kinder kommen zu uns ins Center und backen typisches palästinensisches Essen für alle. An diesem Tag kann man in verschiedenen Räumen des Centers viele traditionelle Dinge über Palästina und die Lebensweise der Palästinenser lernen.
Und schon ist es Freitag Nachmittag. Für die Aufführung der Kinder spielt sogar die Musikgruppe aus Bourj al Shamali Dudelsack am Eingang. Stolz zeigen die Kinder, was sie in den letzten drei Wochen gebastelt haben und für uns ist es auch mal schön, die Eltern kennen zu lernen, die so offen und deutlich ihre Dankbarkeit uns gegenüber zeigen. Am Samstag fahren wir noch ein letztes Mal mit allen Kindern an den Fluss.
Hier verbringen wir unseren letzten gemeinsamen Tag mit den Kindern. Nach all dieser Zeit fällt die darauf folgende Verabschiedung jedem von uns ziemlich schwer, da die Kinder einem doch ganz schön ans Herz gewachsen sind! Auch den Kindern fällt es schwer nach Hause zu gehen.
Nach einer riesigen Abschlussevaluation am Sonntag und anschließendem Eisessen mit den Volontären beider Lager, heißt es am Montag endgültig Abschied zu nehmen. Viele kleine Geschenke und auch Andenken werden ausgetauscht.
Als wir dann im Bus zu unserer Zwischenstation, in einem Tagungshaus in Wardaniyeh, in den Hügeln des Libanon sitzen, nehmen wir, jeder unterschiedliche, viele neue, schöne und nachdenkliche Gedanke an drei bewegende Wochen mit uns nach Hause.
Wir haben viel von dem erfahren, was es heißt in dem Flüchtlingslager zu leben. Oft waren wir bei einem der Volontäre abends zu Hause eingeladen und jedes Mal durften wir deren überaus große Gastfreundschaft kennen lernen. Viele Gespräche gaben uns die Möglichkeit über diese andere Lebensweise viel zu hören und somit eine Beziehung aufzubauen, die über die alltägliche 'Arbeit' hinausging.
In Wardaniyeh angekommen, haben wir die drei letzten Tage genutzt, um noch ein wenig das Land kennen zu lernen, in dem wir Ausflüge in die Zedern gemacht und uns die Bekaaebene angeguckt haben.
Ein letztes Mal sind wir noch nach Saida gefahren, wo jeder seine Mitbringsel und Andenken besorgen konnte, bevor es dann in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hieß, wieder zurück nach Deutschland zu fliegen. Für manch einen, bis zu letzt, unvorstellbar, in das auf der einen Seite uns doch so bekannte Heimatland, auf der anderen Seite, ein nun durch die gewonnenen neuen Eindrücke, neu zu begreifendes Land, zurückzufahren.
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