Am 12. August diesen Jahres brachen wir, acht Frauen im Alter von 19 bis 25 Jahren, mit Rucksäcken und Taschen voller Bastelmaterialien gen Libanon auf. Vorangegangen waren dem Wochen intensiver Vorbereitung, Organisation und Spendensammlung. Bei einem Vorbereitungstreffen in Oldenburg traf sich die Gruppe erstmals vollzählig. Fünf der Teilnehmenden sind Studierende des Faches "Interkulturelle Pädagogik" in eben dieser Stadt – daher der eher ungewöhnliche Treffpunkt, bedenkt man, dass der Verein "Flüchtlingskinder im Libanon e.V.", von welchem das Workcamp ausgeht, in Tübingen angesiedelt ist. Aus dieser Umgebung kamen zwei Teilnehmerinnen und schließlich fand sich noch eine Hamburgerin, die über das Internet auf das Projekt aufmerksam geworden war.
Die Hälfte der Gruppe war bereits im letzten oder vorletzten Jahr beim Workcamp dabei gewesen, was bei der Vorbereitung sehr hilfreich war, wobei jedoch auch andere "Libanon- Erfahrene" immer hilfreich zur Seite standen. Die Wochen vor dem Aufbruch waren gefüllt mit Spendensuche und Bastelei, denn natürlich sollten nicht nur Ideen mit in den Libanon genommen werden, sondern konkrete Bastelvorhaben und am besten gar Anschauungsexemplare. Nach Spenden wurde sowohl bei Verwandten und Bekannten als auch bei Firmen gefragt. Auf der Suche nach Materialspenden, nämlich allem möglichen Bastelzubehör, fragten wir bei Baumärkten, Schreibwarengeschäften etc. nach. Ein Verkaufsstand mit selbst sowie von vielen Freunden gebackenen Kuchen wurde in der Oldenburger Fußgängerzone durchgeführt und das eingenommene Geld natürlich in den Materialkauf gesteckt.
Und so kamen wir denn in der Nacht des 13. August in Beirut an, wo wir die ersten drei Tage im Flüchtlingslager Mar Elias untergebracht waren. Von Beirut aus unternahmen wir Ausflüge in den Norden des Libanon, nach Tripoli, sowie ins Landesinnere nach Baalbek, sahen uns natürlich aber auch in der Hauptstadt selbst um. Besuche beim Hauptsitz der palästinensischen Partnerorganisation des "Vereins für Flüchtlingskinder im Libanon e.V.", "Bait Atfal Assumoud" sowie in zweien derer Sozialzentren in den Flüchtlingslagern Shatila (Beirut) und Wavel (Baalbek) standen ebenfalls auf dem Programm.
Am Samstag fuhren wir schließlich in den Süden, nach Sur/Tyros, wo das Flüchtlingslager Bourj Al-Shemali gelegen ist. Dort wurden wir freundlichst aufgenommen, wobei das Wiedersehen für diejenigen, die bereits an einem Workcamp teilgenommen hatten, natürlich umso aufregender war. Nachdem wir eine Einführung in die Situation des Lagers von Abu Wasim, dem Leiter des Bait Atfal Assumoud Centres dieses Lagers, sowie eine kurze Führung durch das Lager selbst erhalten hatten, bezogen wir unser Quartier auf dem Dach des Centres.
Das gemeinsame Vorbereiten des Programms begann am Sonntag, als alle palästinensischen Volontäre – fünf Frauen und drei Männer - (Freiwillige, die sich auch sonst sehr im Zentrum engagieren) sich einfanden und man sich nach einer ersten Vorstellungs – und Diskussionsrunde in Kleingruppen zusammensetzte um den Plan für die jeweilige Altersgruppe aufzustellen. 75 Kinder waren auf 5 Gruppen aufgeteilt, in den Altersgruppen 6/7, 8/9, 10/11, 12/13 und 14/15. Jede Gruppe wurde meist von drei Volontären betreut. Palästinensische wie deutsche Volontäre brachten gleichermaßen ihre Ideen und konkrete Vorhaben ein. Erstere waren wie auch in den vorangegangenen Jahren keineswegs nur als Dolmetscher gedacht.
Am Montag startete das eigentliche Workcamp. Wie von da an jeden Morgen trafen die ersten Kinder bereits um 9.00 Uhr ein, während wir noch beim Frühstück saßen. Um 9.30 Uhr dann, begann der alltägliche Morgenkreis. Eine halbe Stunde lang wurde "gesungen", wobei es sich dabei eher um Singspiele bzw. Sprechgesänge handelte, zu denen eifrig der Rhythmus geklatscht wurde. Ab dem zweiten Tag hatte jede Gruppe zudem ein eigenes Gruppenlied parat, das es ebenfalls im Morgenkreis zu schreien galt – das Ausbuhen der anderen Gruppen (bis auf die Allerkleinsten, deren Leistung offenbar als unantastbar geachtet wurde) mit frechen Sprechreimen war dabei fast genauso wichtig wie das Lied. Beendet wurde der Kreis mit der palästinensischen Nationalhymne.
An jenem ersten Tag wurden natürlich die Kinder zunächst den Gruppen zugeteilt, wonach jede sich in ihr Zimmer zurückzog, wo Kennenlernspiele angesagt waren. Oft war es auch ganz einfach, sich die Namen zu merken, wenn zum Beispiel vier von sieben Jungen in einer Gruppe Mohammad hießen. In allen Gruppen gleichermaßen wurden die deutschen Volontäre umgehend angenommen und integriert. Auch wenn es mit der Verständigung etwas haperte – nur die ältesten beiden Gruppen sprachen etwas Englisch - hatten wir nie das Gefühl, die Kinder würden nur über unsere palästinensischen Kollegen mit uns sprechen können. Es war sehr schön zu sehen, dass sie direkt mit uns Kontakt aufnehmen wollten und eben so lange auf uns einredeten und gestikulierten bis wir kapiert hatten, was gemeint ist. Die Kinder wählten sich einen Gruppennamen – zur Auswahl standen Früchte – so dass wir schließlich einen Obstsalat mit "Ananas" (14-15), "Aprikose" (12-13), "Mango" (10-11), "Erdbeere" (8-9) und "Orange" (6-7) hatten. Nach der zeitaufwendigen Dichtung des Gruppenliedes war dieser Tag auch bereits vorbei.
Die Kinder gingen um 13.00 Uhr nach Hause und damit war das Programm an den meisten Tagen beendet. Zu Beginn der deutschen Sommerworkcamps wurde noch ein anstrengendes Ganztagesprogramm durchgeführt. Inzwischen hat man sich jedoch dazu entschieden, nur bis mittags zu arbeiten und dafür eine Woche länger zu bleiben. Auch so blieben die Tage anstrengend genug, da es immer genug vorzubereiten gab – Ausflüge, besondere Tage, das jeweilige Gruppenprogramm... - und oftmals auch Evaluationen und Diskussionen in der Gesamtgruppe vonnöten waren. An zwei Tagen in der Woche gab es ein gemischtes Nachmittagsprogramm, bei welchem sich Volontäre noch zusätzlich zu ihrem Gruppenprogramm Angebote überlegt hatten wie Fadenspiele (der Hit dieses Sommercamps !), Akrobatik, ein Riesen-mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel usw. Diesen Angeboten konnten die Kinder sich unabhängig von Alter und Gruppe zuordnen.
An zwei Nachmittagen fuhren wir mit allen Kindern nach Sur hinein, einmal in ein Museum, wo präparierte Meeres und Waldtiere zu bewundern waren, das andere Mal zum Strand. Obwohl man die Ausstellung beinahe schon von weitem riechen konnte, waren die Kinder hellauf begeistert. Ebenso vom Strand, wo sie sich richtig austoben konnten (auch wenn kaum eines der Kinder schwimmen kann).
Die Palette der Angebote in den einzelnen Gruppen während des Vormittags war so vielfältig, dass es zu viel wäre, alles aufzuzählen, was gebastelt und gebaut wurde. Ein paar Beispiele aber doch: Die Jüngsten bastelten unter anderem Papiermasken und machten Gipsabdrücke ihrer Hände. Die Gruppe der Erdbeeren hatte Flaschenteufel, Gipsmasken und Handpuppen auf ihrem Programm. Die Zweitältesten machten u.a. Windspiele, Pinnwände und Blechdosen-Windlichter. Die älteste Gruppe baute zwei Flösse, die beim Ausflug zum Fluss in Aktion traten, gestaltete Windlichter und stellte Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiele her.
Es gab aber auch Aktionen, die alle Gruppen gemeinsam hatten. So wurden gleich zu Beginn T-Shirts mit dem Motto des Workcamps "Al Amal – The Hope" bedruckt. In der Nacht zuvor hatten die Volontäre dafür die knifflige Aufgabe, Schablonen aus Röntgenbildern zu schneiden... Die Mutter einer Teilnehmerin hatte für alle Kinder Rucksäcke genäht, die nun noch in jeder Gruppe unterschiedlich farblich gestaltet (bedruckt, gebatikt, bemalt...) und mit selbstgedrehten Kordeln als Träger versehen wurden. Indem jedes Kind seine eigene Tasche erhielt, sollten die Plastiktüten, die in den Vorjahren negativ aufgefallen waren, zumindest auf unseren Ausflügen vermieden werden.
Eine weitere Gemeinschaftsaktion war der Laternenumzug durch das Lager, da fast jede Gruppe Laternen in irgendeiner Form gebastelt hatte.
Der Gedanke beim Vorbereiten der Aktionen in Deutschland war, möglichst viele Dinge zu tun, die von den palästinensischen Volontären später leicht wiederholt werden können, das heißt, für welche es das Material auch vor Ort gibt. Die palästinensischen Kollegen waren auf jeden Fall sehr interessiert, so viele Ideen wie möglich aufzuschnappen und sich deren Umsetzung anzueignen. Oft stießen mitgebrachte Bastelvorlagen auf Staunen, da im Libanon Bastelbücher wohl das letzte sind, was es auf dem Suq zu kaufen gibt. Ähnlich sah es mit Bastelmaterialien aus, die in Deutschland in jedem Schreibwarengeschäft zu erhalten sind. So verbrachte beispielsweise vor unserer Ankunft ein Volontär seinen Tag damit, auf der Suche nach Transparentpapier (vergebens) durch Beirut zu laufen. Die dicke Rolle Transparentpapier in allen Farben, die wir mitbrachten, wurde daher auch herzlichst willkommen geheißen. Abgesehen von den wiederholbaren Aktivitäten wollten wir aber auch einiges "Besonderes" mit den Kindern basteln und brachten daher Materialien mit, die sonst unerschwinglich bzw. unerhältlich wären (z.B. farbige Glassteine für die Teelichter der ältesten Gruppe und alle möglichen Arten von Papier).
Es gab drei "special days", die außerhalb des Lagers verbracht wurden: einen Tag am Fluß, einen "Olympic Day" und einen Ganztagesausflug nach Jaita. Wir waren vor allem beim Flusstag überrascht, wie lange die Kinder sich ohne unser Zutun beschäftigten. Einfach nur stundenlang ohne Einschränkungen im Wasser planschen oder am Ufer herumrennen zu können, war solch eine Abwechslung zur Enge und Begrenztheit des Lagers, dass die Spiele, die wir vorsichtshalber in Reserve hatten, falls Langeweile aufkommen sollte, völlig überflüssig waren. Da der gemietete Flussabschnitt sogar einen "Wasserfall" beinhaltete, der eine Staumauer herunterlief, war das Glück noch perfekter.
Der "Olympic Day" fand in einer parkähnlichen Anlage statt, wo die Kinder ebenfalls viel Platz zum Austoben hatten. In altersgemixten Gruppen traten sie an einer Reihe von Stationen gegeneinander an. Wir hatten versucht, uns ausgefallenere Disziplinen einfallen zu lassen als Sackhüpfen & Co., und so mussten die Gruppen sich z.B. im Teebeutelweitwurf (nicht etwa mit Hand, sondern mit dem Mund geworfen!) und "Gruppenrückwärtshinderniswettlauf" beweisen.
Und schließlich der große Ausflug, der an einem Samstag stattfand. Schon Tage vorher waren die Kinder aufgeregt und vergewisserten sich immer wieder, ob und wann es nach Jaita gehe. Kaum eines war schon einmal in der riesigen, berühmten Grotte gewesen, da der Eintrittspreis für die meisten Familien im Camp einfach unerschwinglich ist. Bereits der Weg hinauf zur Höhle war ein Erlebnis – in einer Seilbahn! In der Grotte selbst waren alle sprachlos. So etwas hatten selbst wir, die wir doch alle schon einmal in einer Tropfsteinhöhle waren, noch nie gesehen. Das Ausmaß des zugänglichen Teils, die Höhe der Decke und vor allem die unglaublichen Formationen, die es zu bestaunen galt, waren für alle gleichermaßen faszinierend. Und bis auf die Kleinsten, die von dem ganzen eher völlig eingeschüchtert und teilweise gar in Tränen aufgelöst waren und deren Volontäre, die somit nur mit Beruhigen und Trösten beschäftigt waren, waren alle restlos begeistert. Ein weiterer Höhepunkt war, als man dann in der zweiten Grotte in Boote umsteigen musste... Als wäre damit nicht genug gewesen, sollte nach Jaita auch noch ein kleiner Vergnügungspark besucht werden, nach dem Motto, "wenn wir schon mal hier sind...". Auch wenn wir dem etwas kritisch gegenüberstanden, waren die Kinder doch glücklich und rannten aufgeregt von einem Karussell zum anderen. Hier wurde allerdings auch wieder deutlicher, welche Familie es sich leisten konnte, noch Geld dafür mitzugeben und welche nicht. So kauften wir einige Tickets mehr, und verteilten sie unauffällig an die Kinder, die uns nur herumzustehen schienen. Am späten Nachmittag machten sich die drei Busse dann auf den Rückweg, wobei es teilweise auffallend ruhig im Bus wurde, da doch alle ziemlich geschafft waren. Ansonsten stellte das Busfahren mit den Kindern nämlich immer ein Erlebnis für sich dar, denn kaum einen hielt es bei ohrenbetäubender Musik auf seinem Sitz (wenn man überhaupt einen hatte –oft saßen Volontäre gar nicht oder hatten Kinder auf dem Schoß).. Dennoch musste auch noch ein Stop an einer Eisbar gemacht werden, bevor es dann endlich nach Hause ging.
Obwohl es bei unserem Aufenthalt natürlich in erster Linie um die Arbeit mit den Kindern ging, war es uns auch wichtig, so viel wie möglich über Leben und Situation der Menschen zu erfahren. Leider war nicht allzu viel Zeit für Diskussionen gerade auch über die Lage der Palästinenser. Wir erhielten allerdings eine Einladung des Komitees von Al Houli, dem zweiten großen Sozialzentrum des Lagers, zu einer solchen Diskussion, bei der aber eher wir von den älteren Herrschaften befragt wurden als dass wir etwas erfuhren. Ein einschneidendes Erlebnis für uns alle war, als wir in Kleingruppen einige der ärmsten Familien des Lagers in ihren "Behausungen" besuchen und uns mit ihnen unterhalten konnten/sollten. Vielleicht als Beispiel: zu zweit besuchten wir eine Familie, die in einer winzigen Papp/Blech-Hütte am Rande des Lagers zu sechst lebte, für welche sie auch noch Miete zahlte. Der Familienvater konnte keiner Arbeit mehr nachgehen, da er offenbar an Multipler Sklerose litt (was er nicht wusste bzw. den Namen der Krankheit nicht kannte, wir aber nach seinen Schilderungen vermuteten). Eines der Kinder bedurfte einer Operation, die sie sich nicht leisten konnten.
Auch unheimlich wichtig schien uns, unsere Volontäre besser kennen zu lernen. Und so verbrachten wir viel Zeit miteinander: fuhren zusammen nach Saida und Sur, besuchten bei zwei Gelegenheiten die Familien zweier Volontäre und versuchten, auch abends noch zusammenzusitzen.
Gerade am Freitag vor dem anstrengenden Jaita-Ausflug hatten wir Volontäre einen Nachmittagsausflug hinter uns gebracht, der uns sehr mitgenommen hatte und eigentlich einer ausführlichen Nachbereitung bedurft hätte. Zuerst blickten wir vom Chateau Beaufort, einer alten militärischen Anlage, auf Syrien, Libanon und Palästina hinab. Danach fuhren wir zum Al-Khiam-Gefängnis, das erst im Jahre 2000 geräumt worden war. Ein sehr propagandistischer, deshalb aber nicht weniger schockierender Film, und der Rundgang vorbei an Einzel-, Dunkel- und Gemeinschaftszellen, waren für alle ein bedrückendes Erlebnis. Umso schlimmer wurde es jedoch als wir realisierten, dass der Vater einer Volontärin hier einige Zeit verbracht hatte und nicht zuletzt an den Folgen dieser Inhaftierung später verstarb. Sie war zum ersten Mal in diesem Gefängnis und konnte kaum aufhören zu weinen. Recht schweigsam ging es weiter im Bus. Hatten wir noch gedacht, die Aussicht auf Israel von Beaufort wäre so nah wie wir dem Land von hier aus jemals kommen würden, waren wir doch sehr überrascht als wir nun unweit der israelischen Grenze hielten. Da standen wir dann also und sahen hinüber und verstanden plötzlich was gemeint war, wenn unsere Freunde auch im letzten Jahr schon immer davon sprachen, wie anders Palästina aussehen würde. Das Grün der Plantagen hinter dem Minenfeld und Grenzzaun stand im krassen Gegensatz zu Gelb und Trockenheit, die uns umgaben. Wie ein Hohn erschienen auch uns die hübschen weißen Häuschen mit rotem Spitzdach, die eher den Anschein erweckten, wir würden auf eine Siedlung in Süddeutschland schauen anstatt im Nahen Osten. Sogar eine Joggerin im bauchfreien Top und mit Walkman konnte wir sehen, die nah des Grenzzauns ihre abendliche Runde drehte. All dies mag sich recht - vielleicht zu - negativ und einseitig anhören, aber in diesem Moment standen wir auch nur auf einer Seite und was wir sahen, waren unsere Freunde, die – manche zum ersten Mal – auf das Land ihrer Großeltern schauten und eine solche Verbitterung und Trauer, gemischt mit Freude, es zumindest sehen zu können, auf ihren Gesichtern trugen, dass man nicht anders konnte als mitzuleiden. Wir fuhren weiter, nun wirklich fast in absoluter Stille, vorbei an einer Getränkefabrik auf israelischer Seite, in eine Stadt, die am Grenzstreifen endete.
Jetzt waren wir also noch näher dran, standen direkt am Zaun, konnten die Siedlung dahinter noch deutlicher sehen. Und als zwei unserer Volontäre vor Wut anfingen, Steine nach drüben zu werfen, war das Ende der Belastungsfähigkeit bei manchen dann auch fast erreicht. Sich zu überlegen, dass das Land zum Greifen nah ist und man sogar einen Stein dort fallen lassen kann, selbst aber nie einen Fuß darauf setzen wird... Als wir uns endlich auf den Rückweg begaben, zeigten uns einige Volontäre noch die Dörfer, aus denen ihre Großeltern und ihre Eltern vertrieben wurden, die wir von der parallel zur Grenze verlaufenden Strasse aus sehen konnten. Als wir Stunden später endlich wieder im Camp ankamen, waren alle so mit den eigenen Gedanken und Emotionen beschäftigt, dass wir uns, ohne es zu bemerken, fast ohne Verabschiedung trennten. Auch wenn es ungünstig war, den nächsten Tag auf einem ganztägigen Ausflug mit den Kindern verbringen zu müssen, hat uns diese Exkursion als Gruppe ungemein viel gebracht.
So wurde es dann auch immer schwerer, an den baldigen Abschied zu denken. Noch stand die Abschlussfeier bevor, zu der Eltern und Verwandte der Kinder eingeladen waren. Jede Gruppe hatte einen kleineren oder größeren Programmbeitrag vorbereitet, meist ein Tanz oder Sketch. Diese wurden am Mittag zuerst den anderen Kindern vorgeführt, bevor es nachmittags "ernst" wurde, als die Halle zum Bersten voll war mit den Familien. Ebenfalls stolz wurden den Eltern die Produktionen der Gruppen vorgeführt, die in einem Raum zur Besichtigung auslagen. Und als nun das Programm zu Ende war und alle gebastelten Sachen an die Urheber verteilt waren, hieß es Abschied nehmen von den Kindern. Dabei handelte es sich um ein sehr tränenreiches Unterfangen, viele Kinder waren schwer zu bewegen, nach Hause zu gehen und auch so manche Volontärin war am Boden zerstört.
Am nächsten Tag folgte der endgültige Abschied vom Lager und natürlich von den Volontären. Geschenke wurden ausgetauscht (es kamen sogar noch einige der älteren Kinder zurück um Geschenke zu bringen), Adressenlisten gefertigt und man saß so lange wie möglich herum um den Abschied noch hinaus zu zögern. Deshalb fuhren wir auch alle noch einmal nach Sur zum Eisessen, bevor es dann zurück im Lager tatsächlich ans Verabschieden ging. Nach vielen Tränen, Umarmungen und Versprechen in Kontakt zu bleiben oder sich auf jeden Fall irgendwann wiederzusehen, wurden wir vom Fahrer des Centres nach Wardaniyeh, ins "Dar el Salam" (eine Begegnungsstätte) gebracht. Hier erfolgte die letzte Trennung, die wieder Tränen erforderte, da der Busfahrer Walid uns allen ans Herz gewachsen war und wir ihm scheinbar genauso. Und dann waren wir also wieder völlig unter uns, untergebracht in Zweibettzimmern, deren luxuriöse Ausstattung uns immer wieder in Staunen versetzte ...heißes Wasser, Betten, eine Zimmerdecke (die einem nach 4 Wochen auf dem Dach recht bedrückend erscheinen kann). Die beiden Tage, die uns hier blieben, nutzten wir zur Evaluation, unternahmen aber auch noch ein paar Ausflüge.
Am Sonntag, dem 07.September, fuhren wir zurück nach Beirut, wo wir die Nacht auswarteten um frühmorgens zurück nach Deutschland zu fliegen.
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